Ist Zen in philosophischer Weise beschreib- und betrachtbar?

Ein Versuch

Mit philosophischen Methoden können meiner Ansicht nach auch alle Aussagen hinterfragt werden, die von Autoritäten des Zen vertreten werden. Das dabei die historischen Aussagen aus vergangen Jahrhunderten nicht die gleiche Form haben können wie in der heutigen Zeit üblich, ist der Entwicklung und dem Zustand der Sprachen geschuldet, die ja mit der zunehmenden Industrialisierung der Lebensbereiche immer mehr Wortschöpfungen geschaffen haben, mit denen komplexe und der Logik schwer zugängliche Sichtweisen sich in wenigen Worten beschreiben lassen. Zum Beispiel ersetzt heute die Aussage „etwas verhalte sich wie Polaritäten…“ langatmige Aufzählungen, werden Metaphern wie „auf den Ochsen nach Hause reiten…“, 1 sowie Aphorismen, 2 heute nicht so oft Verwendung finden müssen, weil zunehmend andere, mehr wissenschaftliche begründete Begriffe möglich wurden. Betrachtet man in diesem Sinne die Worte Unschärferelation, Relativitätstheorie, Entscheidungsvierkant, Kategorischer Imperativ, Ockhams Rasiermesser oder Ontologie, so bezeichnen diese eine Sicht-, Verstehens- oder Vorgehensweise, die in wenigen Sätzen, ja nicht einmal in wenigen Studienstunden voll verstanden werden können. Trotzdem weiß nahezu jeder Interessierte, was damit letztlich gemeint ist und ausgesagt werden soll. Aussagen in Sprachen müssen daher immer sowohl im Kontext als auch in dem historischen Entwicklungsstand der Kultur gesehen werden, aus dem gerade mal zitiert wird. Damit wird jeder interessierte Leserin seiner philosophischen Arbeit mit der Aufgabe konfrontiert, nicht nur die Schriften des Zen, sondern auch den kulturellen Background seines Studienmaterials sich zu erarbeiten. Das macht die philosophische Arbeit zwar umfangreich und langwierig, ist aber nicht unmöglich.

Die anfänglichen Fragen „Ist Zen in philosophischer Weise beschreibbar?“ und „Ist Zen eine Philosophie?“ ist somit aus meiner Sicht eindeutig mit „Ja!“ zu beantworten, wenn gleich der dafür benötigte Aufwand erheblich sein dürfte und der Arbeitsplatz dazu nicht ausschließlich am Schreibtisch, sondern in erheblichem Maße auf der Meditationsmatte sein muss. Zen in diesem Sinne ist für mich mehr Selbsterfahrungsphilosophie und steht damit in vielerlei Hinsicht jenseits aktuell verbreiteten, akademischen Gewohnheiten. Die Grundlage jeder Betrachtung des Zen ist für mich die Fähigkeit zur Meditation, also der reinen nicht-kommentierenden Beobachtung seiner selbst und Umwelt im stillen und kraftvollen Sitzen (Zazen). Ohne sie kann auch die philosophische Arbeit mit Zen-Literatur und deren Interpretation für die heutige Zeit letztlich nicht gelingen.

Geeignete Literatur zum Thema:

  • Byung-Chul Han – Philosophie des Zen-Buddhismus
  • Shizuteru Ueda – Wer und was bin ich?
  • Toshihiko Izutsu – Philosophie des Zen-Buddhismus
  • Shinichi Hisamatsu – Die fünf Stände
  • Shinichi Hisamatsu – Die Fülle des Nichts
  • Shinichi Hisamatsu – Philosophie des Erwachens
  1. was sich auf die Beschreibung des Erwachens in den Ochsenbilder bezieht
  2. also besondere Aussagen von Autoritäten zum Beispiel, die jeder Kulturangehörige gut kennt
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