Meditation und Allein-Sein-Können

Ein autobiographisches Bekenntnis zum Ruhestand

Die Erfüllung eines lang geträumten Ideals, dem Ideal nämlich, frei zu sein von Fremdbestimmung und Hetze,  frei von der Ausführungspflicht offensichtlich sinnloser Tätigkeiten, die Freiheit zu haben, Pausen zu machen, wenn es notwendig ist, etwas Essen zu können, wenn der Hunger sich meldet oder einfach schlafen zu können, wenn die Müdigkeit sich einstellt, diese Freiheit also ist tatsächlich für jeden erreichbar. Die Schwelle, die dazu überschritten werden muss, heißt: Renteneintritt. Es ist nicht wie befürchtet ein Weg auf ein Abstellgeleis, sondern tatsächlich der Beginn des wirklichen Lebens.

Seit drei Monaten jetzt schon beginnt der Tag mit der Frage, welcher Tag eigentlich heute ist und wie lange die Geschäfte geöffnet haben; ist also Samstag oder gar Sonntag. Diese so wichtige Antwort beeinflusst die Möglichkeiten, die der neu anbrechende Tag so bietet. Danach ist natürlich noch die Frage zu stellen, brauche ich etwas, oder kann ich mich getrost zurücklehnen und den Tag kommen lassen. Weitere kleine Fragen beschäftigen sich damit, wer alles an diesem Tag so in der Nähe sein wird und ob es Termine gibt, die wahrgenommen werden sollten. Sonst gleichen sich die Tage seit dem Renteneintritt wie ein Ei dem anderen, denn: Ich kann tun, was immer ich möchte, auch Nichts-Tun steht zur Position.

Das ich trotzdem vom Wecker geweckt werde, gestehe ich der Solidarität mit meiner Partnerin zu, die noch ein paar Jahre das Hamsterrad des Broterwerbs erdulden muss. Es ist einfacher für sie, wenn wir gemeinsam oder zumindest nahezu zeitgleich in den Tag starten. Für mich steht dann ja auch noch die tägliche Meditations- und Yogapraxis an, die jeden Morgen zu bewältigen ich mir fest vorgenommen habe und die zurzeit gut zwei Stunden in Anspruch nimmt. Es wird also 10:00 Uhr oder später, bis die eigentlich freie Tageszeit beginnt. Aber davon später.

Mit Eintritt in die Rente übertrat ich die Schwelle in einen Raum, der ein entkrampftes Zurückblicken erlaubt. Denn neben der wiedergewonnenen Selbstbestimmtheit habe ich endlich auch mal die Zeit und die Chance, ohne Scherben zu hinterlassen zurückzublicken auf mein verkorkstes und in der Summe von mehr Tiefen als Höhen gezeichnetes Leben. Ohne Scherben deshalb, weil ich nicht morgen schon wieder zur Arbeit im Kreise der Kollegen antreten muss, ohne Scherben, weil viele Menschen bereits gestorben sind oder sich dauerhaft von mir abgewendet haben, ohne Scherben, weil ich morgen immer einfach blau machen kann, ich zu Hause bleiben kann und niemanden ins Angesicht blicken muss, den ich noch kurz zuvor im Geiste zerrissen habe. Ich kann meine Auszeiten frei bestimmen, kann einen Tag oder drei Wochen mich zurückziehen und meine Gedanken und Träume ziehen lassen, ohne bleibenden Schaden anzurichten. Diese Arbeit, das weiß ich jetzt ganz sicher, ist notwendig. Ohne sie kann ein zufriedener Ruhestand nicht geschöpft werden. Ohne sie blieben die Verletzungen, die Widrigkeiten und die erlittene Ausbeutung die einzige Richtspur des weiteren Lebens.

„Wer bin ich“ ist leider nicht die einzige Frage meines Lebens, die offen geblieben ist bis heute ins 64te Lebensjahr. Da sind die Fragen, warum ich der Einzelgänger geworden bin, der ich bin, warum ich selbst in überfüllten Sälen mich häufig allein fühle, warum so viele selbstverständlich bei nahezu allen Mitmenschen zu bemerkende Interessen (z.B. Fußball, Kochen) bei mir keinerlei Halt gefunden haben, warum ich in geselligen Runden selten der Plauderei folgen kann und dann immer abgehängt und im Gefühl unverstanden, also mehr gelangweilt als involviert dabei sitze, warum ich mit Alkohol im Blut still werde und nicht laut wie die meisten anderen, warum mich Mode und Klatsch nicht interessieren und warum ich Sachbücher, aber keine Romane lese. Ich musste heute feststellen, dass die verzagten Versuche, mich mehr und mehr an die Normen der Gesellschaft anzupassen, mit wenig Erfolg beschienen waren und muss mir mein Versagen darüber eingestehen. Und nach drei langen Wochen des Grübelns darüber konnte ich mir allerdings ein „Gott sei Dank, hast du versagt“ nicht verkneifen.

Mit jedem neuen Tag meines Ruhestandes wird mir zunehmend bewusst, dass das, was alles so gelaufen ist in meinen Jahren mich genau dahin gebracht haben, wo ich heute stehe. Und kein Versagen und keine Verletzung konnte mich aus dieser Bahn werfen. Einzelgänger im Ruhestand ist besser als ein geselliger Genosse zu sein, habe ich doch jetzt viel mehr Zeit als die Mitmenschen in meiner Umgebung. Allein sein können ist da ein großes Pfund. Fußballmeisterschaften und die ganzen anderen netten Gesellschaftsvergnügen sind meist von mehr Frust beschienen als von Freude. Kein Wunder, denn das alles ist heute mehr Geschäft als die Gladiatorenspiel der Römer es jemals waren. Und Gladiatoren sind sie alle, die großen Helden aller Spiele.  Auch sind die Plaudereien, denen ich heute mit viel mehr Aufmerksamkeit lausche als früher, oft für meine Interessenlage wenig treffend und daher für mich häufig ohne Tiefgang (was ein Vorurteil ist, ich weiß), und das ich daher mehr und mehr froh darüber bin, mich nicht wirklich beteiligen zu müssen. Das wäre auch viel zu anstrengend, ist doch mit sachlichen Argumenten in Zeiten von alternativen Fakten und Fake News und den hohen emotionalen Anforderungen an eine Aussage wenig Raumgewinn zu erzielen. Die Gefahr, sich zu irren oder in die Nesseln zu setzen ist viel größer als allgemein wahrgenommen. Gleiches gilt für Mode und Klatsch. Wer jemals auf einem Designersofa eingeschlafen ist, weiß, wovon ich rede, und Designerklamotten sind oft unbequem und unpraktisch. Und eine Beschränkung auf wenige Farben und Formen erspart viel Nachdenken und Grübeln darüber , ob ich mich auch so außer Haus begeben könne. Und was das Lernen aus Romanen angeht, sollte sich jeder selbst ein Urteil bilden. Ich denke, mit Sachbüchern ist das einfacher, kommen sie doch meist ohne versteckte Botschaften aus. Alles in allem betrachtet habe ich so vom Abstand betrachtet doch sehr oft die richtigen Entscheidungen getroffen. Heute mit 64 bin ich noch immer kerngesund, wach, habe ein festes leistungsloses Einkommen, bin unkündbar, habe die verschiedensten Interessen und Ideen, meditiere täglich, über Yoga und habe sogar eben noch eine Rentenanpassung bekommen, ohne dafür irgendetwas Fremdbestimmtes tun zu müssen. Mit anderen Worten gesagt und als Fazit zu verstehen bedeutet das: „Ich habe doch wohl alles richtig gemacht!“.

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