Meditation und Allein-Sein-Können

Ausgehend von einigen Begrifflichkeiten, die ich zugegebener Weise aus Georgio Agamben‘s Text „Das Abenteuer“ abgekupfert habe, möchte ich mein kleines Leben noch einmal in anderer Perspektive und Begrifflichkeit Revue passieren lassen und dabei den Fokus auf das Werden richten, auf das Sein, und somit auf die Leidenschaft verweisen, die mich meditieren lässt. Vielleich eröffnet mir das Schreiben in ungewohnter  Bedeutung eine neue Sicht der Begebenheiten, die mein Leben geformt haben. Diese Begriffe (s.u. und fett gedruckt) erscheinen mir besonders geeignet, das zu Sagende in treffender Weise in Worte zu fassen. 1

Der Dämon meines Lebens 2 besteht in der jahrelangen Ansicht, dass die mangelnde Akzeptanz der Umwelt meiner Person gegenüber, der ich in nahezu jeder Phase meines langjährigen Tuns begegnet bin, grundsätzlich ein Fehler meinerseits zugrunde liegen müsse. Das soziale Kompetenz gelernt werden muss, dass dazu ein Lehrender vorhanden sein muss, ist mir erst im Studium von Sachbüchern jenseits des 40ten klar geworden. Weder in meiner Kindheit noch in den darauf folgenden Etappen wie Schule, Lehre, Beruf und auch in Freundschaften sind mir Lehrer begegnet, die dazu bereit oder auch nur annähernd in der Lage dazu waren. So ist es nicht verwunderlich, ein Einzelgänger geworden, häufig dem Mobbing und Ausschluss aus Gemeinschaften ausgesetzt gewesen zu sein. Das ich dabei Allein-Sein gelernt habe, wird sich wohl erst heute in einen Vorteil umkehren.

Allein-Sein-Können ist für mich somit ein Aspekt von Tyche 3. Sie ist aus heutiger Perspektive meine einzige wirkliche Begabung, die zwar auch erst erlitten werden musste, aber die sich zu in vielen Jahren zu einer Meisterschaft entwickelt hat. Andere können mit einem Ball umgehen, können Musik machen oder toll kochen, ich kann wunderbar alleine sein. Eine Neigung, die gerade in fortgeschrittenem Alter von großem Vorteil sein kann, wie ein Blick in die deutsche Gesellschaft wohl zeigt. Und ein Aspekt, der in der Meditation eine unschätzbare Hilfe zu werden verspricht.

Mit 15 die behütete Heimat meines Dorfes und der Gemeinschaft dort, die für mich mehr Folter als Geborgenheit war, zu verlassen und 1970 ins großstädtische Frankfurt zu wechseln war eine der bedeutendsten Entscheidungen meines Lebens. Es war ein Fallen in eine ganz andere Welt, die ein Aventure 4 wurde. Man muss sich das vorstellen: Aus der kleinbürgerlichen Provinzialität in das revolutionäre Frankfurt, wo Menschen meines Alters sich durch die Straßen schoben und Mao und Ho Chi Minh riefen, Barrikaden bauten, Häuser besetzten und so ziemlich gegen alles waren, was die Gesellschaft bis dato zu bieten hatte. Es war ein Abenteuer, das ich zu nutzen wusste, und was folgte war wie eine zweite Pubertät, eine Metamorphose, die in meinem Bekanntenkreis für große Verwirrung sorgte. Lange Haare und Jeans mit Parker statt Lederhosen und Topfhaarschnitt, revolutionäre Ansichten und die immerwährende Bereitschaft , aktuell informiert zu sein und darüber auch diskutieren zu wollen, reduzierte meinen Bekanntenkreis mehr und mehr auf ein Minimum. Was folgte war Heimatlosigkeit, gegangen aus dem Provinziellen, noch nicht angekommen im Städtischen, zwischen allen Fronten und in einem Beruf verbleibend, in dem für Freiheit und Selbstbestimmung wenig bis gar keine Toleranz zu finden war. Es folgte im Beruf Mobbing, Missachtung und Herabsetzung (sowohl durch Kollegen als auch durch Vorgesetzte), die ich durch weiteren Rückzug, durch Anake  5 und Konzentration auf Leistung zu kompensieren suchte. Nicht angreifbar zu sein, weil man in der Firma auf meine Arbeiten nicht verzichten wollte, wurde in der Folge eines der maßgebenden Motive meines Arbeitslebens, mit denen ich, häufig mehrgleisig unterwegs, viele Problemstellungen aussitzen und überstehen konnte.

  1. Worte, die im heutigen Sprachgebrauch vielfältig Verwendung finden wie Charakter, Abenteuer, Hoffnung, Liebe, usw. würden ansonsten einen interpretierbaren Eindruck hinterlassen und jeder Lesende würde aus seiner aktuellen Sprechansicht zu anderen Aussagen kommen müssen. Sie stehen zumindest in der Alltagssprache für begrifflich fest abgegrenzte Eigenschaften. Daher verwende ich die mythischen Formen der Worte und definiere sie bei der Erstbenennung in der Fußnote. Sie sind allesamt wie Ringe zu verstehen, die ineinandergreifen, so wie ein Hexapol
  2. Als Dämon (Charakter) werde ich in den folgenden Zeilen den Aspekt benennen, der in der Rückschau auf über 60 Jahre leben eine Mischung aus Karma, also selbstverschuldeten und selbstgewählten Entscheidungen sowie die nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip folgenden Antworten der Umwelt (Familie, Schule, Beruf, Freundschaft) ein Leben bestimmen.
  3. Als Tyche (Zufall, Schicksal) erscheinen dann die Aspekte, die sich der eigenen Person und deren kleinen Umfeld vollkommen entziehen. Beispiele dafür wären zum Beispiel ein Krieg, ein gesellschaftlicher Umbruch, eine Potenzierung der Technik mit neuen Möglichkeiten der Gestaltung usw.
  4. Aventure oder übersetzt  das Abenteuer ist für mich immer ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, ist verbunden mit der Aufgabe von Sicherheit, Geborgenheit und mit dem Risiko behaftet, das Zurückzulassende zu verlieren. So ist wie im Beispiel von Anake das Verlassen seines Dorfes immer ein Aufbruch, ein Abenteuer.
  5. Anake oder die Notwendigkeit beschreibt Entscheidungsprozesse, deren Entstehung und Auswirkung, die im Großen und Ganzen zur Zeit der Aktualität keinerlei Auswahl zuließen, also alternativlos waren. Die Entscheidung zum Beispiel, sein Dorf zu verlassen und in der Fremde sein Glück zu suchen, erscheint dann alternativlos, wenn in der Gegebenheit der Situation weder Hoffnung noch Chancen bestanden, einen Leidensweg zu beenden, zu verändern oder sogar umzukehren.
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