Die verwirrenden Geschichten des Zen

Wann immer der Zen-Freund zum Meistergespräch gebeten wird und er dort mit den Zen-Geschichten und Zen-Rätsel, die Koan genannt und in großen Sammlungen gesammelt werden, sich konfrontiert sieht, beginnt zunächst einmal das, was ich, um in gutem Zen-Sprachgebrauch zu bleiben, als Verwirrung bezeichnen möchte. Denn Zen-Geschichten, Gespräche und Lehrstücke sind sprachlich gesehen und für den nicht Eingeweihten mit Paradoxien belastet und können weder rational noch philosophisch verstanden werden. Ihnen liegt etwas Unwirkliches, Unergründliches und Unbehagliches zugrunde, das sich dem gewöhnlichen Verstehen entzieht.

Nun muss aber auch der Zen-Übende, ohne zu verstehen, sich doch auch mit der Zen-Literatur auseinander setzen können. Wie sonst soll und kann er zu der Wirklichkeit vordringen, die man braucht, um dem Erzählten folgen zu können, oder den Gesprächen der Fortgeschrittenen folgen zu können. Es kann doch nicht sein, das nur „üben, üben und nochmal üben“ zu einem Ziel führen kann, wenn der Kontakt zum Lehrer, zum Meister oder der Gruppe nur auf ein bis zwei Wochen im Jahr sich beschränkt und es keinerlei Haltepunkte gibt, die in der Entfernung zur Sangha (Gruppe Zen-Meditierender) wirksam bleibt. Natürlich wird man in Büchern suchen, die große Namen des Zen geschrieben haben, aber es braucht doch auch dafür eine Einführung, die zu einem Grundverständnis der verwirrenden Zen-Sprache beitragen kann. Das heißt nicht, das es eine Systematik gibt oder geben könnte, der folgend man jedes Koan lösen könne. Nein, aber es würde helfen, die Aufgabe zu verstehen, die mit dem Koan dem Übenden gestellt ist.

Der hier vorgestellte Text aus dem Jahre 1973 von Chung-Ying Cheng (siehe Download) ist hierfür ein besonderes Bonbon, denn er versucht zumindest der anfänglichen Verwirrung etwas die Kraft zu nehmen und verweist auf sprachliche (semantische) Regeln, denen die Zen-Sprache folgen soll und verweist auf Grundzüge der metaphysischen Weltsicht, in der Zen in der Sichtweise des Autors zuhause sei.

Da ist zunächst die Aussage, das im Zen keine Doktrin für die Verwirklichung der Buddhaschaft notwendig ist. Dann sagt Zen, das keine Form der Sprache wesentlich ist, um Erleuchtung auszudrücken oder zu verwirklichen. Die Texte sind auf der Suche nach Aufklärung entstanden und dienen dem Zweck der Vermittlung derselben als auch der Prüfung bezüglich des Erreichens der Erleuchtung. (S. 1)

Trotzdem ist Sprache wichtig für die Zeit vor der Klärung und nach der Klärung, da sie dann zu Unterrichtszwecken verwendet werden kann. In der Klärung selbst wird Sprache behindern oder sollte zumindest nicht dominieren. (S. 10)

Um aus der Vorstellung, die sich wie ein Schleier über die Wirklichkeit legt, herauszukommen, verlässt man im Zen die übliche semantische Logik. Dazu bildet er den Satz „P ist dann wahr, wenn P falsch ist“. Er zeigt im Text weitere paradoxe Sprachformen auf, auf denen die Zen-Sprache beruhen soll. (S. 7)

Dann erläutert Cheng, warum Zen-Geschichten oftmals in Paradoxien ausgedrückt werden. Das Prinzip der ontologischen (Bezüge der Seins-Wissenschaft in der Philosophie) Nichtverpfichtung bewirke, das die Paradoxien für den Verwirklichten nicht mehr paradox seien. Dafür verwendet er die Doktrin der Nicht-Anhaftung des Buddhismus. Diese besagt, das es notwendig sei, auf alle ontologischen Verpflichtungen gegenüber der Sprache zu verzichten, um Einsicht zu erlangen. Oder einfacher formuliert: Was in Sprache, besonders rationaler Sprache ausgedrückt werden kann, ist nicht die Wirklichkeit. Dort gäbe es keine konzeptuellen Kategorien. Der Befragte muss daher seine Antwort zum Ausdruck bringen, ohne sie zu behaupten. (S. 12)

Soweit in aller Kürze einige Themenkreise, mit denen sich der Autor auf 20 Seiten befasst. Ich habe mich entschieden, diese Arbeit der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, weil sie mir geholfen hat, Zen-Texte zu verstehen. Ich betrachte sie aber nicht als Anleitung, um Koans zu lösen, sondern nur, diese besser und vielleicht auch etwas schneller zu erkunden. Der mir zugänglich gewordene Orginaltext als PDF wies einige Probleme auf und war sowohl sprachlich als auch lektorisch nicht durchgehend bearbeitet. Textstellen gab es doppelt und dreifach, viele Sätze waren unzugänglich formuliert und die Formatierung war altbacken. Ich habe mich bemüht, das zu korrigieren und in eine lesbare Form zu bringen. Trotzdem bleibt auch die bearbeitete Beschreibung schwierig und es braucht viel Geduld, um sie zu verstehen. In wie weit der Text dem Zen-Übenden hilfreich sein wird, kann ich nicht beurteilen. Darüber sollte sich jeder Leser selbst Gedanken machen.

Zen Paradoxie
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