Meditation über „nichts“, eine Momentaufnahme

Wenn wir uns über etwas Spezifisches unterhalten und viel Zeit und Energie in etwas stecken sollen, müssten wir eigentlich schon vorab wissen wollen, um was es sich letztlich handelt, was es uns bringt und wie und mit welchem Aufwand wir damit beginnen können, dieses Ziel zu erreichen. Nun gibt es Felder, die sich diesen Anforderungen widersetzen und so einfach sich nicht darstellen lassen. Ein Feld sticht da ganz deutlich hervor: Die Meditation.

Schaut man einem meditierenden Menschen bei seiner Tätigkeit zu, wird man feststellen, das dieser für eine vorab bestimmte Zeit schlicht und einfach „nichts“ tut, und das auch noch in einer Sitzhaltung, die für europäische Menschen sehr unbequem aussieht, denn man sitzt meist tief in der Nähe des Bodens, auf einem Kissen oder Bänkchen, und hat seine Beine kreuzbeinig geknotet/gelegt oder in einer Fersensitz-Haltung untergeschlagen. Was um alles in der Welt macht dieser Mensch da, wird er/sie sich fragen, und wofür soll das wohl gut sein. Und oft fallen dann auch schnell die Worte unbequem und langweilig.

Nun ist es so, das die Meditation wirklich nicht etwas neues darstellt in unserer Kultur. Das wir heute die Meditation nahezu ausschließlich mit östlichen Weisheitslehren in Verbindung bringen, zeigt eigentlich schon, wie wenig wir heute noch von unserer eigenen Kultur wissen und verstehen. Nahezu allen religiösen Traditionen wird zumindest in den inneren Zirkeln der Priester und Eingeweihten eine der Meditation nahestehende oder verwandte Praxis angewendet. Das sie in der Regel nicht als Meditation beschrieben werden, sondern Scala Clausralium, Lectio Divina, Contemplatio oder Devotio Moderna heißen, um nur einige wenige zu nennen, spielt dafür keine Rolle 1. Es handelt sich nahezu immer um Formen des In-Sich-Gehens, Sich-Selbst-Zuwendens oder der devoten Aufopferung und damit direkt oder mehr indirekt um meditative Praktiken. Nun habe ich nicht vor, hier in einem Artikel zu wiederholen, was in wunderbaren Büchern und Schriften schon hundertfach versucht wurde, ein Praxis der Meditation systematisch darzustellen. Ich glaube inzwischen, und drei Meter in meinem Bücherregal über Meditation sind der Beleg dafür, das sich ein solches Werk mit allgemein gültigem Anspruch gar nicht herstellen lässt. Meditieren in meinem Sinne ist eine zutiefst individuelle und zudem ganzheitliche Praxis 2, die nichts mit allein sich-wohlfühlen, sich zu erheben, aufzuwachen, zu erleuchten, sich Selbst zu verwirklichen oder sich anderweitig zu konditionieren zu tun hat. Schon die Praxis der Meditation, sich mit anderen Worten „einfach“ (s.u.) hinzusetzen und still zu sein, spricht da doch schon eine ganz andere Sprache.

Nun ist Hinsetzen und dabei still sein nicht so einfach, wie es sich zunächst anhört. Denn die Bedingungen, unter denen Meditation stattfinden kann und sollte, und das gilt besonders für das anfängliche Einübung des Genannten, sind ein fester, energetisch getragener Sitz, eine aufrechte energetisch getragene Haltung, die bewusste Stille des Atems, die bewusste Stille des Körpers und die bewusste Stille des Geistes. Ich hatte zunächst vor, den fünf Bedingungen noch den Zusatz weitestgehend hinzuzufügen, habe mich dann aber dagegen entschieden, denn dem Versuch, die Bedingungen zu erreichen, sollte keine Einschränkung von vornherein entgegenwirken. Und mit dem Nebensatz gebe ich kund, das man in jedem Fall Einschränkungen wird hinnehmen müssen, und das nicht nur im Beginner-Stadium, sondern wahrscheinlich sogar generell. Beginnen möchte ich zunächst einmal damit, diese Bedingungen zu präzisieren:

Ein fester, energetisch getragener Sitz

Wer ohne Vorstellung des Beobachters einmal stehende, sitzende oder liegende Menschen beobachtet, zum Beispiel in einem Warteraum, wird feststellen, das Menschen nicht lange still sitzen, stehen oder liegen wollen/können. Und selbst das Anlehnen, Festhalten oder Abstützen bringt da keine wirkliche Beruhigung zustande. Eine erfolgreiche Meditation (s.u.) erfordert aber die Aufrechterhaltung einer körperlich unbewegten Haltung allein schon daher, weil jede Bewegung umfangreiche innerliche Prozesse nach sich zieht, die den ungeübten Menschen allein schon aus der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zu ziehen vermögen. Dann zeigt die liegende Haltung durch ihre Nähe zum Schlaf und die stehende Haltung durch die aufwendige Körperbalance, die immer auch Unruhe ist, zusätzliche Hindernisse für ein Zur-Ruhe-Kommen, so das eigentlich für die Meditation, die länger dauert, nur eine sitzende Körperhaltung in Frage kommt. Diese sollte dann so leicht gängig, so wenig aufwendig wie möglich und so angenehm wie möglich sein. Nur dann ist der Körper bereit, still zu sein. Das ist nur gegeben, wenn das Sitzen energetisch getragen, sprich mit so wenig körperlicher Kraft wie möglich gehalten werden kann. So beschäftigt sich Yoga zum Beispiel in seiner bekanntesten Tradition sehr ausführlich mit der Erreichung einer guten Sitzposition. Das Sitzen soll „fest und mühelos“ sein, sagen die Schriften, und da sich fest und mühelos zu widersprechen scheinen, ist eine gute Haltung nur irgendwo und individuell unterschiedlich in der Mitte zwischen den Extremen zu finden. Das kann dann eine kreuzbeinige oder auf den Fersen sitzende Haltung sein, das kann unterstützt werden mit einem Kissen oder Bänkchen, mit Decken oder anderen Hilfsmitteln. Die Haltung ist dann gefunden, wenn sie funktioniert. Und was sich wie ein Widerspruch liest, ist nur erreichbar durch ausprobieren, erleiden und erdulden. Das Ganze nennt sich dann Erfahrung, genauer: persönliche Erfahrung.

  1. Karl Baier und sein Buch „Meditation und Moderne“ geben dafür einen schönen und weitreichenden Überblick.
  2. Ganzheitlich daher, weil Geist und Körper nicht getrennt sind, weil die Existenz einer Seele nicht unbedingt erforderlich ist und das das Wesen/Bewusstsein eines Menschen immer auf einer zirkulären und nicht auf einer linearen Kausalität beruht. Mehr dazu bei Thomas Fuchs, Das Gehirn – Ein Beziehungsorgan.
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