Buchbesprechung: Shitzuteru Ueda, Wer und was bin ich?

Die beiden Grundarten des Seins, wie sie in der Welt angetroffen werden, sind daher:

  • „Ich bin ich“
    in dieser Form des Seins sieht der Buddhismus und damit auch Zen als das Übel allen Unheils des Menschen an. Es wirkt als eine Form der dreifachen Selbstvergiftung: Blindheit gegen sich selbst, Hass gegen den Anderen und Habgier.
  • „Ich bin, indem ich nicht ich bin, ich“
    Durch die Erkenntnis, dass ich nicht das sein kann, was ich glaube zu sein, und das der Andere ebenso nicht das sein kann, was er glaubt, erschließt der Mensch sich und die Welt in einer anderen Weise. In diesem Sehen, im dem jeder sich irgendwann irgendwo hin gehend weiß, haben Hass und Habgier keinen Platz. Das Motiv dazu ist entfallen.

Zen setzt dabei auf eine dreifache Übungsweise, die aus vier Motiven besteht:

  • Zazen: Stillsitzen, um sich für die Offenheit zu öffnen.
  • Samu: Praktische Feld und Hausarbeit und Angya: Wandern in der Natur 1
    , um dadurch die eigene Natürlichkeit zu realisieren.
  • Sanzen: der Weg mit dem Meister, durch Zwiesprache die Begegnung mit dem Anderen, der die Offenheit kennt, einübend.

Ueda fragt weiter, ob der Willensentschluss, sich auf den Weg zu machen, nicht aus sich selbst entstehen muss. Der Weg beinhaltet ja die Überwindung des Willen Prinzips durch den eigenen Willensentschluss, was ein unmögliches Unterfangen zu sein scheint. Der eigene Entschluss ist notwendig, und zwar in Gelassenheit, die den Willen einerseits gewähren lässt und andererseits ihn zugleich aufhebt. Die Bedeutung dieser Frage bleibt offen.

In einem weiteren Absatz schreibt Ueda über das Wesen der Begegnung. In der Zen-Begegnung versenken sich beide Partner zunächst einmal selbstlos ins Nichts, um dann aufsteigend sich in das Gegenüber einzulassen. Dabei verliert die übliche Egozentriertheit ihre Kraft, die Gesprächspartner sind voneinander durchdrungen und in die Offenheit geöffnet. So kann ein Gespräch sich in voller Dynamik entfalten. Die allgemein übliche Begrüßung in Japan, also erst die Verbeugung, dann die Begrüßung wie „Guten Tag“ und dann ein Stück Smaltalk wie „Schönes Wetter heute…“ zeigt in sehr eindringlicher Weise diese Form der beginnenden Begegnung. Erst dann wir der Grund der Begegnung frühestens ausgebreitet. Die Verbeugung taucht ein in die unbegrenzte Offenheit und erkennt den anderen darin. Erst dann wenden sie sich einander zu in der Begrüßung und eröffnen den Dialog mit zunächst unverfänglichen Mitteln.

  1. Der Begriff der Natur in der japanischen Kultur ist nicht nur der Wald oder die Landschaft. Shi-zen (Shi: von sich selbst her; zen: so sein) besagt so viel wie „so sein, wie es von sich selbst her ist“. Natur ist also kein Gegenstand, sondern mehr die Summe allen Seienden oder anders beschrieben als die Wahrheit des Seins. Damit ist Natur gleichbedeutend mit dem buddhistischen Begriff der Wahrheit: Tathata.
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