Meditation geht nicht ohne Lehrer?

Wann und wo immer, wenn über Meditation und deren Praxis, Erfolg und Ziele geschrieben und geworben wird, erfolgt nach wenigen Zeilen, Seiten und Unterrichtsstunden die Aussage, das man ohne Lehrer keinen Erfolg haben kann. Und egal welchen Lehrer jemand haben mag, immerzu wird dieser von seinem/ihrer Lehrer’in erzählen und vielleicht sogar schwärmen. Nun gut, das sind subjektive Beobachtungen, die sicherlich nicht immer zu 100% gelten können und dürften.

Trotzdem möchte ich der in der Überschrift gestellten Frage etwas genauer und intensiver nachgehen: Wird die Fähigkeit der Meditation wirklich nur wie man so schön sagt von „Herz zu Herz“ sprich einem Lehrenden weitergegeben, muss diese Fähigkeit immer von einem Lehrer, der in einer Reihe, sprich Tradition von Lehrern steht, bestätigt werden, oder kann sich Jedermann nicht einfach auch aufraffen, sich regelmäßig zum Sitzen entschließen und auch so ganz für sich selbst diese Fähigkeit erarbeiten? Das sind die Fragen, mir denen ich mich beschäftigen möchte. Und da ich diese Fragen gerade erst zu Bits gebracht habe, oute ich mich schon mal vorweg und gestehe, das ich der letztgenannten Meinung anhänge, obwohl ich hier und da mit verschiedenen Lehrern schon gearbeitet (?) und gesessen habe.

Nahezu alle Religionen der Welt kennen in der einen oder anderen Form eine Technik, die man allgemein mit Kontemplation oder Meditation benennen kann. Und immer ist diese Religion in den Kulturkreis ihrer Anhänger eingebettet und wird über diese Kultur geformt und beschrieben. Mal sind die Formen blumig und bunt, mal zurückgezogen, mal allein oder in der Gruppe, in Stille, mal sitzend oder tanzend, mal feiernd oder karg, ausgeformt und tragen in der Regel ein festgefügtes, rituelles Gewand, das sich vom gewohnten Alltagsleben deutlich abhebt. Und beginnt man einem Überblick gleich diese unzähligen Formen miteinander zu vergleichen, kommt man bald aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur die praxisbezogene Tätigkeit, sondern auch die Zielrichtung, das Erleben in der Praxis und die Sinnsuche darin sind ganz und gar verschieden. Nehmen wir einmal ein paar allgemein bekannte Formen und stellen sie kurz und prägnant nebeneinander.

Beginnen wir mit der Zen-Meditation. Die prägnanteste Form ist stilles Sitzen in einer kreuzbeinigen Haltung in Abschnitten von jeweils 25 Minuten, nach denen konzentriertes Gehen in langsamen und schnellen Schritten folgt. Beide Formen werden in der einen oder anderen Mischung abwechselnd getätigt. Die mentalen Inhalte des Sitzens und Gehens gehen von Atemkonzentrationen über Koans 1 bis zu reiner Achtsamkeit. Über das Ziel dieser Meditation wird in den Treffen nicht gesprochen. Aber was ist dabei mit der Lehrer-Schüler-Beziehung? Hier kurz ein Ausschnitt aus „www.zenmeditation.de“:

Als blutiger Anfänger kannst du gerne erste Meditationserfahrungen alleine zuhause machen. Um wirklich Fortschritte zu machen, musst du dir aber bald eine Gruppe und einen geeigneten Lehrer oder Meister suchen. Sonst hast du keine Chance, echte Zen-Meditation zu praktizieren. Danach wird dein gesamtes spirituelles Leben ein Wechselspiel zwischen deiner spirituellen Gemeinschaft und deinem privatem Leben sein, bis es sich so durchdringt, dass da kein Unterschied mehr ist. Und zu guter Letzt wird deine Meditationspraxis nicht mehr nur auf dem Kissen stattfinden, sondern dein ganzes Leben wird zur Meditation. Das Schälen einer Kartoffel genauso wie das Schreiben einer E-Mail und alles andere auch. Aber bis dahin vergehen meist Jahrzehnte der intensiven Schulung unter kompetenter Führung und eigenverantwortlicher Praxis … Ohne Zen-Meister kein Zen. Ein Zen-Meister oder auch eine Zen-Meisterin steht der Gemeinschaft immer vor. Meister verkörpern das, worum es im Zen geht. Dabei geht es nicht darum, den Meister anzuhimmeln oder zu beweihräuchern, sondern in ihm das lebendige Vorbild zu sehen, welches in einem selbst schlummert.

Das ist eindeutig und wenig wage. Nun, ich habe mittlerweile bei und mit sechs Zen-Meistern gesessen, gesprochen und gearbeitet und muss sagen, das ich nicht in der Lage war zu sehen, was diese jeweils verkörpern, da ich nur ihre Teishos 2 gehört und ganz selten in einem Einzelgespräch (Dokusan) über wenige Minuten ihre Anwesenheit genießen konnte. Das ist zu wenig, um ein Vorbild bilden zu können. Was ich aus den Gesprächen mitnehmen konnte sind praktische Ratschläge zum Sitzen, zu den Inhalten und so manch Ermutigung zum weitermachen. Mehr war in der kurzen Zeit selbst in einer Wochen-Sesshin nicht machbar. Ich verstehe die genannte Vorbildfunktion dann, wenn man sein Leben in einem Zen-Kloster verbringt, dort lebt, arbeitet und meditiert. Aber in einer oder zwei Wochen im Jahr kann das nicht wirklich gelingen.

Schauen wir und dann mal eine Meditationsform an, die davon ganz verschieden ist, die Osho Meditationen. Das sind Meditaionen mit Tanz, mit Toben bei lauter Musik, mit viel Bewegung und auch in Stille, sowohl sitzend als auch liegend und stehend. Nehmen wir die Nataraj Meditation (https://www.osho.de/meditationen/nataraj-meditation/) als Beispiel:

Osho Nataraj Meditation: Wie ein Blatt im Wind, bewegt von einer unsichtbaren Kraft, im Tanz völlig aufgelöst sein, so dass der Tänzer verschwindet, und nur noch der Tanz übrig bleibt – das ist der Nataraj, der „König des Tanzes“. Die Nataraj Meditation ist eine Tanzmeditation, die den Zustand von Meditation durch Bewegung und Ausdruck erschafft. Sie hat drei Phasen und dauert insgesamt 65 Minuten.
Erste Phase: 40 Minuten: Tanze mit geschlossenen Augen wie besessen. Lass dich völlig vom Unbewussten leiten. Suche deine Bewegungen auf keine Weise zu kontrollieren und sei auch kein Beobachter des Geschehens. Geh einfach total im Tanzen auf.
Zweite Phase: 20 Minuten: Die Augen bleiben geschlossen; leg dich sofort hin. Bleib still und rühre dich nicht.
Dritte Phase: 5 Minuten: Tanze einen Freudetanz — genieße.

Das ist eine ganz andere Form als Zen, obwohl Osho auch als Zen-Meister anerkannt wurde. Hier spielt die Form der Meditation die Rolle als Erlöser von Spannungen über den Ausdruck derselben. Erst wenn das Bewusstsein befreit ist, kann das Selbst erkannt werden. Meditation ist Entspannung. Und das war es dann meist auch schon mit der Erläuterung der Praxis. Eine Lehrer-Schüler-Beziehung wird oft nur genau auf Osho selbst gesehen. Nach dessen Tod gibt es nur noch begabte oder geübte Schüler, die als Lehrer Oshos Lehren weitergeben.

  1. Koans sind eins der merkwürdigsten Dinge im Zen. Sie sind eine Art Paradoxon oder verworrene, merkwürdige Geschichten mit zumeist Meister und Schüler oder nur Aussprüche von Meistern die, und das ist das Wichtigste, nicht mit dem Verstand zu lösen sind. Quelle: Zenmeditation.de ↩
  2. Darlegungen von Buddhas Lehre ↩
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